Memento mori

Memento mori

Tatsächlich ist jeder Moment deines Lebens es wert, geschätzt zu werden. Nicht nur im Aussen, auch ganz tief in dir drin. Dort ist der Anfang. Selbst wenn dir nicht alles passt an dir. Akzeptiere es für den Moment und verändere es so gut es dir möglich ist in jedem nächsten Moment, der kommt, mit entschlossener Gelassenheit.

Schaue auf die Uhr, sieh wie der Sekundenzeiger über das Zifferblatt gleitet. Unmittelbare nächste Momente gibt es an sich genug. Nur können wir mit dieser Art der Zeitmessung in der Praxis nicht so viel anfangen, es sei denn, man nutzt ebendiese Zeiteinteilung, um im Sport kurzfristig herauszufinden, wer denn im Rennen am schnellsten unterwegs war. Wenn wir es tatsächlich bewusst auf die Reihe kriegen würden, dann hätte ein ganzer Tag 86’400 Momente für uns, wo wir uns in die gewünschte Richtung verändern könnten. Okay, einen Drittel davon schlafen wir oder wir sollten es tun. Ein weiterer Drittel geht für den Broterwerb drauf, unabhängig davon, ob du die Arbeit liebst oder ob es eben halt doch nur ein finanzieller Rettungsring ist, um mit dem Einkommen das Auskommen zu finanzieren. Bleibt also noch ein Drittel. Leider nein, nicht ganz. Zumindest nicht mehr seit spätestens 2006 und der Einführung der immer digitaler werdenden Hilfsmittel. Angefangen mit der Einführung des Smartphones und allen, damit in Zusammenhang stehenden Errungenschaften. Und neuerdings, seit Ende 2024, die für Jedermann nutzbare künstlichen Intelligenz. Dabei ist die Nutzung derer zumeist weder smart noch intelligent für uns, sondern bloss Zeitvertreib. Verteilt durch den Tag, vom wachen bis zum schlafenden Zustand, gehen bei den meisten Nutzern auf diese Weise nochmals im Durchschnitt 6 Stunden fürs Digitale oder krasser ausgedrückt, nochmals 21’600 Sekunden von deinem Budget drauf. Meist für Unterhaltungszwecke. Die unbequeme Wahrheit: Wirklich produktiv ist nur ein Bruchteil davon, wie dir dein Smartphone täglich aufzeigt. Wo nehmen wir denn auch nur noch die Zeit dafür her?! Die hatten wir doch früher gar nicht. Genau. Und hier ist der Punkt.

Unterm Strich bleibt dann nicht mehr wahnsinnig viel Zeit übrig für wirkliche soziale Kontakte im realen, analogen Leben. Sei es mit Familie, den Kindern, mit Freunden, im Sport-, Musik- oder sonst-wie-Verein, beim Spazieren, beim Gärtnern etc.

Klar kann man den Garten bewässern und gleichzeitig Musik hören, oder sich ein Hörbuch durch die Gehörgänge schiessen lassen, während die Eisenbahn ihrerseits mit dir auf dem Nachhauseweg durch einen Tunnel jagt. Kann Multitasking der Schlüssel sein, um aus jeder Sekunde des Lebens noch mehr herauszupressen? Ich meine: «Nein. Definitiv nicht in der aktuell überall ersichtlichen Ausprägung.» Aber ja, ein jeder wie er mag. Wer als gebürtiger «Digital Native» gelernt hat seine Welt als solche wahrzunehmen, kann durch seine digitale Brille betrachtet, einer anderen Realität, der 100% analogen Welt, vermutlich eben auch nicht allzu viel abgewinnen. Wobei nicht vergessen werden darf, auch jetzt gäbe und gibt es noch Spielraum für das Analoge und das wird auch nie ganz verschwinden können.

Meinerseits, als Kind der analogen Welt, bin ich mit eben dieser aufgewachsen und habe später «on the Job» die Entwicklung hin zur mehrheitlich digitalisierten Welt von deren Kindsbeinen an mitgemacht und adaptiert, weil vieles hilfreich ist und einen grossen Nutzen hat. Aber halt nicht alles. Ich für mich stelle fest, dass meine Eltern, ohne alle digitalen Features, Annehmlichkeiten aber auch Fallen der digitalen Neuzeit, trotz viel und körperlich härterer Arbeit, die Türe zur Arbeitswelt nach Arbeitsschluss mit Fug und Recht haben schliessen können, um gleichzeitig die Welt des Privatlebens aufzustossen, ohne je das Gefühl oder die Notwendigkeit verspürt zu haben ihr Privat- oder Geschäftsleben digital publik zu machen, so wie das heute Gang und Gäb zu sein scheint.

Niemandem wäre es auch nur ansatzweise in den Sinn gekommen 7 Tage während 24 Stunden erreichbar sein zu müssen, weder vom Geschäft, vom Arbeitgeber ausserhalb der Arbeitszeit, damals noch per Telefon oder noch, wie heute per E-Mail oder sonst wie behelligt zu werden. Wäre damals tatsächlich jemand von seinem Arbeitgeber «heimgesucht» worden, dann wohl doch nur, wenn der Betroffene was «ausgefressen» hätte. Ich erinnere mich lebhaft, dass ich in meinem Lehrbetrieb spätestens um 18:00 Uhr den Arbeitsplatz verlassen haben musste, übrigens alle 800 Mitarbeitenden. Und tags darauf wäre es mir auch nicht vor 07:00 Uhr möglich gewesen, mit meinem Badge überhaupt wieder ins Gebäude zu gelangen. Ja, das waren noch Zeiten! Ich habe meistens um 07:15 Uhr meine Arbeit aufgenommen, konnte um 12:10 Uhr meinen Platz im Personalrestaurant einnehmen, zu absolut unschlagbarem Preis Essen, inkl. Kaffee à discrétion, um dann zu entscheiden, ob ich 30 Minuten oder bis 14:00 Uhr Mittagspause mache, des schönen Wetters wegen, oder um Gleitzeit abzubauen. Doch lieber noch schwang ich mich um 16:15 Uhr wieder auf den Sattel meines 3-Gang Fahrrads, das ich eigens zu diesem Zwecke gekauft hatte, um meinen wohlverdienten, sportlich ausgerichteten Feierabend einzuläuten. Ja, das war 100% analog!

Und heute? Vielerorts fehlt genau die Work-Life-Balance, die damals einfach da war, ohne sich dafür eines hochtrabenden Wortes zu bemühen. Heute, die ganze liebe lange Zeit prasselt ein unaufhörliches digitales Sperrfeuer auf die Menschheit ein. Die Aufnahmefähigkeit sinkt stetig, während die Aufmerksamkeitsspanne eines digitalisierten Menschen, mittlerweile kaum noch existent ist. Alles will gesehen, kommentiert, beantwortet sein. Samstag, Sonntag, mitten in der Nacht. Wen kümmert da noch der Feierabend, oder Feiertage, wenn die Läden mit allerlei Ausnahmen dennoch offen sind, damit die Menschheit am Konsumrad drehen kann, noch das Weekend, ja selbst die Ferien sind nicht mehr tabu.

Weltweit ist jedermann erreichbar, auffindbar und damit eben nie ganz losgelöst. Und diese digitale Pandemie betrifft einen Grossteil der Menschheit. Social-Media spielt gekonnt den verlockend süssen Harfenklang psychologischer Denkmuster der Menschheit, für immer noch mehr Zeit auf deren Plattformen. Die menschlichen Hormone geraten dadurch regelmässig durcheinander, weil der Daumen beim Scrollen in den so genannten Social-Media zum Gaspedal für die Generierung von Dopamin geworden ist und es darum geht, Menschen so lange als nur irgend möglich an die eine oder andere elektronische Plattform zu binden. Kundenbindung total, um gleichzeitig schon dessen Bedürfnisse vorwegzunehmen, von denen er noch gar nicht gemerkt hat, diese auch zu haben.

Ich meine es tut gut, sich selbst immer wieder mal die Frage neu zu stellen, wovon will ich mehr in meinem Leben, wovon weniger oder wovon gar nichts mehr. Dafür stehen uns brutto 86’400 Sekunden täglich zur Verfügung. Schau jetzt nochmals auf deine Uhr, nutze tick tack statt tik …

Ein lebensfrohes «Carpe dem!»

Alfred

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